Gespenster

Gespenster

Gespenster 1024 768 Fabian Bär

Die Fakultät für Sozial- und Wirtschaftswissenschaften, oft nur als Sowi bekürzelt, ist kein besonders gespenstischer Ort. Und doch, so weiß eine schauerliche Legende zu berichten, spukt es dort – der Geist einer Nonne soll an dem Standort schon seit Jahrhunderten sein Unwesen treiben. Was steckt dahinter?

Einem von Dr. Ellinor Forster, Universitätsassistentin am Institut für Geschichtswissenschaften und Europäische Ethnologie, verfassten und auf der Website sagen.at veröffentlichten Text zufolge begann alles damit, dass am heutigen Sowi-Standort einst ein Kloster zu finden war. Bis zum Jahr 1782 wurde es von Nonnen bewohnt, dann aber im Zuge gesetzlicher Reformen aufgelöst, und fortan als Kaserne genutzt.

In der nunmehrigen Kaserne soll es von da an begonnen haben, zu spuken. Das “Innsbrucker Tag-Blatt” berichtet 1851 von einem “Weib in schwarzer Nonnentracht, kein weißes Fleckchen war an ihr zu sehen; die Arme trug sie über Kreuz, Gesicht und Hände waren gleichfalls schwarz; die Augen waren tief eingefallen, und starrten stier und ausdruckslos vor sich hin.” Auch das schließlich am Standort der ehemals klösterlichen Kaserne errichtete Sowi-Gebäude wurde angeblich schon Opfer der gespenstischen Umtriebe – beispielsweise, als kurz nach Fertigstellung der Sowi eine Deckenplatte dem Ruf der Schwerkraft folgte. (Mehr zu diesem Thema findet man in der September-Ausgabe der UP)

Aber wie viel Wahrheit steckt in dieser Legende? Nun, vermutlich gar keine, weil es Gespenster nicht gibt. Aber um wirklich sicher zu gehen, wird es Zeit für eine Geisterbeschwörung an der Sowi im Unipress-Selbstversuch.

Die große Drehtür vor der Wiese ist baustellenweise gesperrt – kein gutes Omen. Wir schleichen uns durch die sich nicht drehende Tür in die um 20:58 etwas leere Eingangshalle der Sowi. Alle Teilnehmer sitzen im Halbkreis um einen Tisch, der in seiner Schwärze, an der ebenfalls kein weißes Fleckchen zu sehen ist, bereits an die Erscheinung der begeisternden Klosterschwester erinnert. Wir halten uns an den Händen und stimmen zu einer Art Sprechgesang an, der den Geist im Idealfall aus seiner sterbefallbedingten Isolation rufen soll. Eine Séance ist kein Kindergeburtstag, fühlt sich aber doch teilweise an wie einer. Noch passiert nichts.

Vielleicht ist es aber nicht so sehr eine spukende Nonne, die die Sowi heimsucht – geistern nicht auch andere Mythen an und um sozialwissenschaftliche Fakultäten herum? Wir Geisterbeschwörer sagen unseren Spruch auf: “Komm in unsere Mitte, Geist!” Kommt er? Schwer zu sagen – das liebevoll ausgedruckte Blatt Papier, kontergefreit mit dem Abbild eines Ouija-Brettes, scheint etwas zu billig zu sein.

Spukt nicht auch der Geist des Taxischeins, von dem jeder Student und jede Studentin der Soziologie schon gehört hat, und an dessen Existenz viele Studierende und Nichtstudierende hartnäckig glauben? Der dreieckige und einlochige Zeiger, auf dem alle teilnehmenden Hände ruhen, erfüllt in seiner unverrückten Ruhe augenscheinlich nur dekorative Funktionen. Was ist mit dem Gespenst der Arbeitsmarktuntauglichkeit, mit dem viele Studierende der Politikwissenschaft angeblich zu kämpfen haben?

Die Anspannung im Raum gleicht der eines am Boden vergessen Seilspringseils und das Unterfangen droht, in Geistlosigkeit zu versinken. Mittlerweile ist es 21:13, und der Spuk ist nicht vorbei, weil er noch nicht angefangen hat. Begeistert ist niemand, und von der Nonne keine Spur – aber sucht nicht auch das von mancher Seite postulierte Fabelwesen der Pseudowissenschaftlichkeit jede Sozialwissenschaftlerin und jeden Sozialwissenschaftler heim? Kann man die Elfen, zu deren Beintürmen sozialwissenschaftliche Fakultäten gern erklärt werden, ebenfalls beschwören?

Das “Forum für Spuk- und Jenseitskontakte”, aus dem die von uns genutzte Anleitung zur Geisterbeschwörung stammt, bietet auf diese Fragen keine Antworten – und auch der offensichtlich erfolglos beschworene Nonnengeist bleibt stumm.

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